Ein stummer Schrei – Die dunkle Seite der Bar

(Ein Text von Dirk Güldner)

Shaker die sich schwungvoll im Rhythmus des Abends zum klang von Musik und Gesprächen der Gäste im Raum bewegen, Rührlöffel welche wie ein Dirigentenstab vor dem Bartender kreisen und Jigger die präzise wie ein Skalpell, Milliliter genau den nächsten Getränkeakt einleiten. Ist der Beruf des Bartenders nicht einfach wunderbar! Diese schon fast mystische Figur die wir uns vorstellen, eloquent, wortgewandt, charmant und natürlich gutaussehend, welche hinter dem Tresen steht und uns Abend für Abend eine fantastische Zeit zubereitet. Kaum eine bessere Person, an einem Ort wie in einer Bar, könnte uns die Nächte unserer Wahl so versüßen wie diese. Dabei vergessen wir nur all zu gerne eine wichtige Sache. Vor uns steht ein Mensch mit den selben Lasten und Sorgen wie jeder andere auch, der Abend für Abend eine Maske aufsetzt und all unsere Probleme für einen kurzen Augenblick verschwinden lässt.

Dirk Güldner und ich haben uns vor Jahren in Hamburg, während unserer gemeinsamen beruflichen Zeit in der legendären Bar Le Lion von Herrn Jörg Meyer, kennengelernt. Wir waren uns von Anfang an sympathisch und haben eine schöne und lustige Zeit miteinander verbracht, bitte korrigiere mich wenn ich hier falsch liege Dirk. Seine nordische Art mit dem süffisanten Humor ist mir immer positiv in Erinnerung geblieben und ich denke noch heute immer gerne daran zurück. Viele Gin Basil Smashs und Martini Cocktails haben unsere gemeinsamen Schichten begleitet. Ich glaube ich habe bis heute immer noch deswegen eine „Insalata Caprese“ Phobie. Nein kleiner Scherz, ich esse und trinke immer noch sehr gerne Basilikum. Heute widmet sich Dirk in diesem Artikel einem Thema, welches kaum und nicht gerne von Bartendern in der Öffentlichkeit thematisiert wird und zwar die Schattenseiten und negativen Folgen die dieser Beruf mit sich bringen kann. Wer Dirk kennt und auf den sozialen Medien und seinem Blog www.tenderblender.com verfolgt, den ich übrigens nur wärmsten empfehlen kann, der weiß das auch er mal durch eine solch schwere Zeit gegangen ist. Es gehört viel Mut dazu so offen darüber zu reden und zu schreiben wie er und andere daran teilhaben zu lassen, in der Hoffnung mit seinen Erzählungen ein positives Beispiel dafür zu sein, wie man auch so eine Situation meistern und gestärkt aus dieser wieder heraus kommen kann. Lieber Dirk ich ziehe meinen Hut vor dir, dafür hast du meinen größten Respekt verdient, Chapeau! Aber genug jetzt von meinen Worten, lasst uns hören was er zu sagen hat und genießen seine Erzählung.

Dirk the Stage is yours…

Ein Barbesuch ist für jeden etwas Besonderes. Sei es ein Anlass, der gefeiert werden soll oder als Ablenkung vom Alltag. Man gibt seine Sorgen zusammen mit dem Mantel an der Tür ab und ist für die Dauer des Aufenthalts in einer anderen Welt. Dafür sind wir da, wir, die Gastgeber, Barkeeper, die Regisseure der Nacht. Hauptdarsteller sind immer die Gäste, wir sorgen nur für einen reibungslosen Ablauf. Dafür, daß die Menschen auf der anderen Seite des Tresens eine gute Zeit haben und den Alltag und einen Teil ihrer Sorgen für den Augenblick vergessen können. Eigentlich ein ganz klares Konzept, daß nur allzu leicht in Schieflage geraten kann, wenn man vergisst, daß diesseits des Tresens auch Menschen arbeiten, die oft mit den gleichen Nöten und Problemen zu kämpfen haben. Keine Sorge, ich werd Sie jetzt nicht mit meiner eigenen Krankheitsgeschichte langweilen, nur soviel, daß ich nach mehreren Therapien, Entwöhnungsbehandlungen und Kriseninterventionen durchaus weiß, wovon ich spreche.

Man muß halt professionell sein, persönliche Befindlichkeiten haben am Arbeitsplatz nichts verloren, sind nur ein paar der markigen Sätze, die zu diesem Thema gern kolportiert werden. Das ist in Ansätzen auch durchaus richtig, aber leider überhaupt nicht mehr zeitgemäß. Die Diskussion über Work-Life-Balance soll an anderer Stelle geführt werden, ich möchte hier und heute nur etwas mit Vorurteilen aufräumen und eine Lanze für gestrandete Kollegen brechen. 

Depressionen und Suchterkrankungen sind keine Umstände, die man sich selbst aussucht, aber gerade in der Gastronomie sind es durchaus Phänomene, die häufiger zu beobachten sind. Nachtarbeit, Überstunden, Personalmangel und die Nähe zum Alkohol und anderen Substanzen-alles Faktoren, die auch den gefestigten Charakter aus der Bahn werfen können. Dazu kommt die Tatsache, daß der Beruf des Barkeepers durchaus von einer zweifelhaften Aura umgeben ist. Irgendwie harter Hund, immer entweder gut gelaunt oder mindestens kauzig, dabei aber trinkfest und unterhaltsam. Die Frauen der Zunft haben dazu oftmals noch mit der problematischen sexuellen Komponente zu kämpfen, dämliche Anmachsprüche inklusive. 

Nun, Augen auf bei der Berufswahl, den Satz hat man auch von mir häufiger gehört. Ein Tag hat aber 24 Stunden, was, wenn  man seinen Beruf über alles liebt, einem aber das Leben in den anderen Stunden, also in der Freizeit, zunehmend aus den Händen gleitet? Man will so gern einen guten Job machen, scheitert aber schon daran, sein eigenes Leben zu meistern. Man ist in seiner Rolle, traut sich nicht, sich zu offenbaren oder weiß auch oftmals gar nicht, wo man sich Hilfe suchen kann. Wenn dazu dann noch dieser Gender-Stereotype vom starken männlichen Geschlecht kommt, dann ist die Luft schnell am Brennen! 

Im Jahr 2018 arbeiteten 2,4 Millionen Menschen in der Gastronomie. Schätzungen gehen davon aus, daß ca. 10% der Bevölkerung an Alkoholismus leiden, wären wir bei den Gastronomen bei über 200.000 Menschen. 7,4 % der gesundheitlichen Störungen und vorzeitigen Todesfälle sind auf Alkohol zurückzuführen, damit steht Alkoholmissbrauch an dritte Stelle, nach Tabakkonsum und Bluthochdruck.

Die Berliner Band „Die Ärzte“ sagten vor ein paar Jahren: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe….“. Missbräuchlicher Konsum in jeglicher Form ist auch Gewalt, Gewalt gegen sich selbst, weil man mit Probleme nicht fertig wird, weil man mit der Verarbeitung von Geschehenem nicht umgehen kann, weil man vergessen will. 

Aktuell sind wir alle gerade mit anderen gesundheitlichen Probleme beschäftigt, aber es zeigt sich gerade, wie ein soziales Miteinander auch gelebt werden kann. Vielleicht finden die stillen Schreie in Zukunft auch leichter ein Gehör.

Lieber Dirk, vielen Dank für deinen fantastischen Artikel. Es war mir wirklich ein großes Vergnügen dich bei OliveOrTwist dabei haben zu dürfen. Auf hoffentlich bald, in gemütlicher Atmosphäre an den Tresen dieser Welt, gemeinsam mit einem Drink bei einem guten Gespräch. Cheers. 

Danke fürs Lesen.

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